Zypern: Wo Aphrodite Eros vernaschte

Paphos auf Zypern
Paphos auf Zypern: Wo die Sonne 320 Tage lang scheint (Foto: Zypern Tourismus)

Die Götter meinen es gut mit der Insel, nur nicht mit uns. Die Sonne brennt heiß herunter, trotz steifer Brise kommen wir ins Schwitzen. Zyperns Ruf als Sonneninsel brennt sich in unsere helle Haut. Mit 340 Sonnentagen im Jahr hat das Klimaparadies im Mittelmeer immer Saison.

Wir bummeln durch Larnaka, das alte Kítion der Bibel. Der Name kommt vom griechischen Wort Larnax und bedeutet Sar­kophag. Im Zentrum die orthodoxe Kirche Agios Lazaros mit einem unterirdischen byzantinischen Museum. I

m Rathaus erfahren  alles über den Heiligen Lazarus, über das Fort mit den rostenden Krupp-Geschützteilen, über Zenon, den Vater der Stoiker, und die archäologische Sammlung im Pierides Museum bis hin zur touristischen Gegenwart am Hafen.

Abends sitzen wir in der Taverne zur Blauen Schildkröte. Ein uriges Lokal, in das man über eine windschiefe Treppe hinaufkommt, mit einer schrägen Decke und vier rastlos rotierenden Ventilatoren, mit Holztischen und knarrenden Stühlen. Aus der Meze wird ein unendliches Tafeln mit über zwanzig leckeren Gerichten.

Bou­zoukis begleiten Chri­stakis Kyriaki­des, der Liebeslieder singt und als Krönung des Abends – wie kann’s auch anders sein – den berühmtesten Ohrwurm der hellenischen Sangeskunst, die heimliche Hymne der Urlauber: Ein Schiff wird kommen.

Am nächsten Morgen unterwegs zur Ostküste. Vorbei an einem Salzsee, wo Flamingos überwintern, vorbei an der Moschee Ha­lan Sultan Tekke, wo die Ziehmutter des Propheten Mo­hammeds begraben liegt. Dann eine grelle Dünenlandschaft mit kilometerlangen Badestränden. Es riecht nach Beton.

Aus dem Boden schießen Hotels, Pizza-Kneipen, Discos und Shops. Wir sind in Agia Napa, wo der totale Tourismus tobt. Nur im ehemaligen Nonnenkloster herrscht meditative Ruhe, etwas weiter nördlich in Dery­neia sogar Grabesstille. Dort verläuft die Demarkationslinie. Die Fahne mit dem Halbmond signalisiert die türkische Republik Nordzypern.

Mit freiem Auge sehen wir die besetzte Stadt Famagusta. In seiner 9.000 Jahre alten Geschichte hat Zypern schon viele fremde Be­satzer ge­sehen. Kupfer­vorkommen gaben der Insel ihren Namen, machten sie reich und für Fremde begehrlich. Die Griechen landeten, holzten die Wälder ab, bauten ihren Göttern Tempel und gräzisierten das Leben. Ägypter, Assyrer, Phönizier und Perser kamen und gingen.

Vier Jahrhunderte herrschten die Römer, acht Jahrhunderte das Byzantinische Reich. Dann kreuzten die Kreuzritter auf, danach die Venezianer, die Osmanen und zuletzt die Briten. Nach 3.500 Jahren fremder Herrschaften wurde Zypern 1960 erstmals ein unabhängiger Staat.

Aber die Einheit endete 1974: Die Athener Militärjunta wollte den damaligen Präsidenten, Erzbischof Makarios, stür­zen, die türkische Armee okkupierte da­­raufhin den Norden der Insel, ein Drit­tel der Gesamtfläche. Seither ist der kleine Inselstaat zweigeteilt, eine Aussicht auf Vereinigung ist aussichtslos.

Das wird uns in Nicosia, der Hauptstadt Zyperns, erst recht bewußt, als wir hinter Barrikaden aus Stacheldraht, Betonblöcken und Metallfässern vorbeischleichen. Mitten durch das Herz der Metropole zieht sich die Green Line von West nach Ost. Soldaten der griechisch-zypriotischen Republik schie­ben Wache.

Fotografieren verboten. Drüben sind die Türken, unsichtbar, nur die flatternde Halbmondfahne deutet auf ihre Präsenz. Dazwischen sichern UN-Soldaten das Niemandsland. Streunende Katzen, hungrige Ratten und gurrende Tauben sind die einzigen Grenzgänger.

Seit 1. Mai 2004 ist die Republik Zypern Mitgliedstaat der Europäischen Union (EU), die den Herrschaftsanspruch der Republik Zypern über die gesamte Insel bekräftigt und daher auch ganz Zypern als Teil des EU-Gebietes ansieht.

Wir sind froh, diese häßliche Narbe hinter uns zu lassen, stürzen uns in das Labyrinth der Altstadt, besuchen die Staatskirche Agios Ioannis, durchwandern die zypriotische Urgeschichte im Nationalmuseum, bewundern respektvoll Terrakottafiguren aus der Bronzezeit und die Statue der Aphrodite von Soloi, und kommen uns wie Gartenzwerge vor, als wir an der riesigen Bronzestatue des legendären Erzbischof Makarios vorbeigehen.

Mittagsrast bei Theodoros, in einer der vielen Imbißbuden in Nicosia. Souvlaki in Fladenbrot, Tomaten, Zwiebeln und Halou­mi­kä­se, werden aufgetischt. „Kopiaste, eßt und trinkt“, sagt der Wirt und läßt eine neue Runde Keo-Bier auffahren. Zum Teufel mit der Green Line und der Hure Politik.

Quer durchs Troodosmassiv, den Bauch von Zypern, fahren wir über kurvenreiche Stra­ßen und durch Zedernwälder, bis wir Kakopetria, ein unter Denkmalschutz stehendes Dorf, passieren. Immer wieder sehen wir kleine Dörfer, die sich krampfhaft an die Berghänge krallen.

Abends haben wir Limassol, die zweitgrößte Stadt Zyperns, erreicht. Die Handelsmetropole ist ein Zentrum der Lebenslust. Tavernen, Discos und Bars. Der Sommer ein einziges Festival, der September ein rauschendes Weinfest. Rund herum Geschichte satt: Da die Burg von Kolossi, dort die Ruinenstadt Kourion mit Basilika, Freilichttheater und antiken Patrizierhäusern.

Wenige Kilometer südwestlich von Limassol liegt auf der Halbinsel Akrotiri der Sandstrand „Lady’s Mile Beach“. Hier und in Dhekelia erhalten die Briten strategische Basen mit Raketenbunkern und Radaranlagen. Hinter Stacheldrahtzäunen pflegen sie ihren British way of life – mit Polo, Pubs, und Fish’n’Chips. God save the Queen.

Am nächsten Morgen in Pafos, im grö­ß­ten Open-Air-Museum auf Zypern: Touristenrudel steigen in die Königsgräber hinab, drängeln sich vor der Villa des Dio­ny­sos, um die Mosaiken zu bestaunen, klettern auf den Felsen Petra tou Romiou, um zu sehen, wo Aphrodite dem Meeresschaum entstiegen sein soll.

Legenden tauchen auf. In ihren Tempeln soll die liebestolle Liebesgöttin Adonis, Ares und Eros vernascht haben. Und in Polis hat die Göttin der Liebe in einer Grotte gebadet, dessen Wasser ewige Ju­gend verleihen soll. Schade, wir konnten’s nicht ausprobieren: Normalsterblichen ist dort das Baden verboten.
(c) Georg Karp

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