Schlagwort-Archive: Meinung

Aberglaube oder Irrglaube?

„Der Glaube, je gebildeter ein Volk ist, desto leichter werde es mit Problemen fertig, hatte sich in aller Stille verabschiedet.“

Ein Lesefrüchtchen von Ian McEwan aus Ein Kind zur Zeit (detebe 21929).

Abgesang auf einen Alt-Nazi

Eigenartig, eigenartig: Da stirbt der „Doyen der Neonazi-Szene in Österreich und Deutschland“ (sic!) und die Steiermark-Online-Redaktion des öffentlich-rechtlichen Meinungsmonopols ORF widmet dem Tod des „Untersturmführers der ersten Waffen-SS-Division“ mehr als 35 Zeilen im Internet – sozusagen als einen Quasi-Nachruf in einem informativen Nachrichtenkleid.

Aufstand im Warschauer Ghetto – Fotografie von Jürgen Stroop. Aus dem Stroop-Bericht von 1943 an Heinrich Himmler von Mai 1943. Die originale Bildunterschrift lautet „Mit Gewalt aus Bunkern hervorgeholt“. Es ist eines der bekanntesten Fotos aus dem zweiten Weltkrieg. Erstmals veröffentlicht in „Sprawozdanie Juergena Stroopa“ (1948) von Stanisław Piotrowski

Hallo, hallo, haben wir wirklich nichts anderes, nichts besseres zu berichten? Trauert da vielleicht jemand um die „Integrationsfigur des Rechtsextremismus“? Weint jemand dem Altnazi nach? Wäre es nicht zeitgeschichtlich wesentlich wichtiger, über den Tod der letzten Überlebenden des Holocaust zu informieren?

Der Abgang der „grauen Eminenz der deutsch-österreichischen Neonazi-Szene“, so das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), ist in Anbetracht der Vergangenheit dieses Mannes nicht einmal eine Marginale wert. Wem also nützt dieser Abgesang? Ist der Tod eines Unverbesserlichen wirklich vermeldenswert und noch dazu in dieser Breite? Oder gibt es da vielleicht noch braune Flecken in der grünen Mark?

Warten wir mal ab, wer zum Begräbnis antanzt, welcher Rechte die Rechte zum letzten Gruß erhebt. Vielleicht schickt die Steiermark-Redaktion des ORF auch einen Kranz? Wer weiß, wer weiß.
GeKa

Die seltsame Wandlung eines Sozialisten

Alfred Gusenbauer - SPÖ Politker lachend, Schn...
Dr. Alfred Gusenbauer, Ex-Rotweinkanzler und Kurzzeit-SPÖ-Vorsitzender, hat gut lachen: Er berät u.a. den autoritär regierenden Präsidenten von Kasachstan und steigt nun auch ins Risiko-Kapitalgeschäft ein (Foto: Hans Barte)

Na da schau her: Ex-Bundeskanzler und ehemalige SPÖ-Chef Dr. Alfred Gusenbauer macht einen erstaunlichen ideologischen Salto nach rückwärts und steigt ins kapitalistische Risiko-Kapitalgeschäft ein.

Der einst stramme Sozialist und Kreisky-Fan mit dem Faible für den italienischen Edelrotwein Barolo hat mit drei Freunden die Cudos-Gruppe gegründet, um in das lukrative Geschäft mit Risikokapital einzusteigen, berichtet die Tageszeitung Kurier. 25-Prozent-Eigentümer sind neben Gusenbauer der Wirtschaftsanwalt Leopold Specht, der Finanzmann Alon Shklarek und der Unternehmensberater mit Schwerpunkt IT und Ex-Miteigentümer der inzwischen insolventen SkyEurope Andreas Frech.

„Wir werden nicht nur investieren, sondern auch beraten, in die Aufsichtsräte gehen und auch ins Management“, erklärte Frech, der die Geschäftsführung über hat, wie sie sich von anderen Equity Fonds unterscheiden wollen.

Im Fokus sollen Sanierungskandidaten, Firmen, die für weiteres Wachstum Finanzierungen benötigen, sowie Unternehmen, deren Eigentümer Nachfolger suchen, stehen. Der Fokus liege im mittelgroßen Industriebereich in Österreich und Zentral- und Osteuropa. Fünf Mio. Euro Kapital hat die Cudos-Truppe schon beisammen, heißt es in dem Bericht.

Der Rotwein-Kanzler Alfred Gusenbauer ist seit über einem Jahr auch Berater der kasachischen Regierung und des Staatspräsidenten Nursultan Nasarbajew. Dass sich Kasachstans autoritär regierender Präsident 2010 zum „Führer der Nation“ auf Lebenszeit ausrufen ließ, berührt den sich vom Sozialisten zum Kapitalisten wandelnden Ex-SPÖ-Chef nicht. In einem Profil-Interview meinte er: „Ist das bei Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi nicht genauso?“

Naja, Geld stinkt nicht. Und politische Moral ist ohnehin eine abgedroschene Floskel. Dass der ehemalige Kanzler seine früheren politischen Beziehungen in ein gewinnbringendes Netzwerk integriert, ist beachtenswert. Da kann man nur sagen: „Freundschaft, Genosse Kapitalist!“
GeKa (Quellen: news.ORF.at; Kurier; Profil)

Die EU-Dominosteine wackeln

Europäische Union
Steht die EU vor einem Schulden-Tsunami? (Foto: Flickr)

Die US-Ratingagentur Moody’s hat die Kreditwürdigkeit Portugals gleich um vier Stufen heruntergestuft – auf Ramsch. Der Grund: Die Wahrscheinlichkeit für ein zweites Hilfspaket sei gestiegen, gab Moody’s gestern in New York bekannt. Und es gebe Bedenken, dass Portugal nicht in der Lage sein werde, die mit der EU und dem IWF vereinbarten Defizitziele zu erreichen.

Portugal stehe vor Herausforderungen bei der Kürzung der Staatsausgaben, den Hilfen für das Finanzsystem sowie einer Ankurbelung des Wirtschaftswachstums. Die Ratingagentur Moody’s senkte die Bonität von „Baa1“ auf „Ba2“ mit negativem Ausblick. Auf den Finanzmärkten reagierten Händler mit Euro-Verkäufen: Die Gemeinschaftswährung baute ihre Verluste gegenüber dem Dollar aus. Der Euro wird wieder immer weniger wert.

Nach Griechenland droht nun auch Portugal in den Staatsbankrott zu schlittern. Für die EU-Steuerzahler bedeutet das, erneut Milliardenkredite auf Nimmer-Wiedersehen zu „borgen“. Und was ist mit Spanien und Italien? Was mit Irland? Auch diesen schwer verschuldeten EU-Mitgliedesländern droht ein Kollaps – wenn Brüssel nicht wieder die Euro-Druckmaschine anwirft.

Es wird immer offensichtlicher: Die nächste globale Wirtschafts- und Finanzkrise ist vorprogrammiert. Der Schulden-Tsunami droht die Wirtschaftskraft der europäischen Gemeinschaft zu sprengen. Die EU-Dominosteine  wackeln. Stehen der Euro und die EU auf der Kippe?
GeKa