Schlagwort-Archive: Belgien

Kennst Du die Welt des Sultans?

ottoman_Veronese_Nachfolge_Sultan_Bajezid_I610x411
Einblicke in die Kunst und Kultur der Ottomanen: So porträtierte der venezianische Künstler Paolo Veronese den Sultan Bajezid I. (Collection Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, © Bayer&Mitko – Artothek)

Die Ausstellung „Die Welt des Sultans. Der Ottomanische Orient in der Kunst der Renaissance“ im BOZAR – Palast der schönen Künste in Brüssel zeigt vom 26. Februar bis 31. Mai 2015 anhand vieler Werke den Einfluss der Ottomanen auf den Westen und die Anziehungskraft des Nahen Ostens auf westliche Künstler wie Bellini, Carpaccio, Dürer, Titian und andere. mehr

>

Werbeanzeigen

Antwerpen: Die unbekannten Talente von Rubens

Das Rubenshaus in Antwerpen: Ein Muss für jeden Touristen (Foto: Toerisme Antwerpen/Tourismus Flandern-Brüssel)
Das Rubenshaus in Antwerpen: Ein Muss für jeden Touristen (Foto: Toerisme Antwerpen/Tourismus Flandern-Brüssel)

Im Herbst 2011 veranstaltet das Rubenshaus in Antwerpen eine einzigartige Ausstellung über Peter Paul Rubens. Die Ausstellung beleuchtet dabei die eher vernachlässigten architektonischen Talente des vielseitigen flämischen Barockkünstlers.

Rubens war ein großer Kenner der römischen und zeitgenössischen italienischen Baukunst, was sich aus seinen Gemälden ableiten lässt. Er wurde aber auch bei bedeutenden Antwerpener Bauprojekten einbezogen, wie etwa bei der Erweiterung seines eindrucksvollen Atelier- und Wohnhauses und beim Bau der Sankt-Carolus-Borromäus-Kirche, die von seinen Zeitgenossen als „das 8. Weltwunder“ bezeichnet wurde.

Peter Paul Rubens hat sich intensiv mit der Baukunst beschäftigt. In den 1620er Jahren veröffentlichte der Maler das „Palazzi di Genova“, um den damaligen Architekten und Bauherren aus den Niederlanden moderne Bauweisen zu zeigen. 1635 war er an dem Entwurf für den feierlichen Einzug des Kardinal-Infanten Ferdinand beteiligt.

Selbstbildnis Peter Paul Rubens im Antwerpener Rubenshaus (Foto: Toerisme Antwerpen/Tourismus Flandern-Brüssel)
Selbstbildnis Peter Paul Rubens im Antwerpener Rubenshaus (Foto: Toerisme Antwerpen/Tourismus Flandern-Brüssel)

Die Ausstellung „Palazzo Rubens – der Meister als Architekt“ im Rubenshaus zeigt rund 50 Leihgaben aus internationalen Museen. Viele der Kunstwerke aus weniger bekannten Sammlungen werden erstmals einem öffentlichen Publikum präsentiert.

Auch kostbare Architekturbücher aus Rubens‘ Bibliothek sowie Werke von Michelangelo, Guilio Romano  und dem Meister selbst sind zu sehen. Zugleich erfahren die Besucher im Rubenshaus Interessantes und Wissenswertes aus dem vielfältigen Arbeits- und Lebensumfeld des großen Antwerpener Künstlers. (Quelle: Tourismus Flandern-Brüssel. GeKa)

Genever, Bier und wilde Geschichten

Der Bellemann kündigt unser Kom­men an: Zweimal schüttelt er kräftig die kiloschwere Glocke in seiner Hand, dann drängeln wir uns durch die schmale Tür in den „Gepoeierden Ezel“, eine urige Kneipe in der Schuddevisstraat. Der Wirt im „Gepuderten Esel“ zapft wie am Fließband dunkles Bier in riesige Gläser. Da­zu reicht er uns kühlen Genever in fingerhohen Stamperln, einen Wa­­chol­­­der-schnaps, der berauschend köst­­lich schmeckt.

„Alcol, Alcol, we leven op alcol“, sagt der Fließbandarbeiter hinter der Theke und zapft lächelnd schon das nächste Bier. Ja, die flämische Metropole Gent lebt ganz gut vom Alkohol, schließlich gibt’s hier 600 Kneipen, wo mehr als 150 Schnapsarten und an die 350 Bier­sorten die Wahl zur Qual und mächtigen Durst machen.

Der Bellemann läutete ein zur feuchtfröhlichen Genevertour durch Gents urige Kneipen (Foto: Weichselbaum/Toerisme Vlaanderen; Tourismuswerbung Flandern-Brüssel)
Der Bellemann läutete ein zur feuchtfröhlichen Genevertour durch Gents urige Kneipen (Foto: Weichselbaum/Toerisme Vlaanderen; Tourismuswerbung Flandern-Brüssel)

Unser Begleiter in der hoch zu­geknöpften blauen Uniform eines ehemaligen Stadtausrufers, mit rotweißen Bordüren auf den Ärmeln, einer dicken roten Kordel über der linken Schulter und einer topfartigen Schirmmütze auf dem bulligen Kopf, schwingt wieder zweimal die furchtbar laute Glocke. Er mahnt uns zum Aufbruch, es wird Zeit, auszutrinken.

Auf dem Programm der nächtlichen Kroegentocht, einem für Touristen organisierten Rundgang durch Gents Kneipen, stehen zehn Lokale zum Verkosten. Das erfordert neben einer trinkfesten Leber auch viel Stehvermögen.

Aber Gent, die alte Hauptstadt der Grafschaft Flandern, die ewig stolze Rivalin der Schwesterstadt Brügge, hat außer dem Belleman, hochprozentigem Genever und obergärigem Bier, na­türlich mehr zu bieten – eine zauberhafte Szenerie, die ihresgleichen sucht: mittelalterliche Bauwerke, barockisierte romanisch-gotische Kirchen, alte Patrizierhäuser, Zunfthäuser mit atemberaubenden Giebeldächern und bunte Märkte. Und freiheitsliebende Bürger, die stets gegen die Obrigkeit rebelliert hatten, weil sie ihr Schicksal selbst bestimmen wollten.

Wer nach Gent kommt, begibt sich unweigerlich auf eine Wan­derung durch die bewegte und oft auch blutige Geschichte dieses flä­mischen Juwels. Wo die Flüsse Schel­de und Leie zusammenfließen, hatten sich schon die Kelten, Wikinger und Römer angesiedelt. Um 650 kam der heilige Amandus mit seinen Anhängern und gründete die Abtei St. Baafs, sein Freund Jan errichtete auf dem höchsten Platz in Gent, den Blandinusberg, die Abtei St. Pieters.

Das schmeckte den Bürgern wieder nicht und sie warfen Amandus in die Leie. Im Hundertjährigen Krieg schlugen sich die Genter Bürger auf die englische Seite und erklärten 1488 Philipp dem Gu­ten einfach den Krieg, weil dieser die Steuern für Salz und Getreide erhöht hatte.

Die Rebellen an der Leie wurden noch rebellischer, als Kaiser Karl V., ein gebürtiger Genter, die Privilegien der Stadt mißachtete und eine Kriegssteuer für seinen Feldzug gegen Frankreich einhob. Die Genter verweigerten sich, der Kaiser beschuldigte sie der Illoyalität und des Aufruhrs, erklärte die Privilegien für nichtig, ließ die große Glocke, das Symbol der Freiheit, aus dem Belfort entfernen und die Grachten zuschütten. Außerdem mußten die Stadtväter mit einer Schlinge um den Hals ihn reumütig um Vergebung bitten.

Kein Wunder, daß in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Gent gegen Spanien aufmuckte, der Protestantismus und Calvinusmus Aufwind bekamen. Aber 1584 besetzten die Spanier Gent, die Bewohner mußten zum katholischen Glauben konvertieren, viele flüchteten in die Niederlande. Gent, das im 14. Jahrhundert nach Paris die größte Stadt nördlich der Alpen war, versank in die Bedeutungslosigkeit. „Es wuchs Gras in den Straßen von Gent“, vermerkte der Stadtschreiber.

Erst mit dem Aufkommen der Flachsindustrie im 18. Jahrhundert entwickelte sich das nun von den Franzosen beherrschte Gent zu einer der führenden französischen In­du­strie­städte. Spä­ter, im unabhängigen Bel­gien, wur­de Gent zur Hochburg der belgischen Ar­beiterbewegung und flämischen Unabhängigkeit.

Heute ist Gent die viertgrößte Stadt Belgiens und der zweit­­größte Hafen. Wir spazieren über die St. Michaelsbrücke. Hier haben wir die bedeutendsten Baudenkmäler mit den berühmten drei Türmen von Gent im Visier: Da ist der Belfort, 95 m hoch, das Machtsymbol der Zünfte, dessen Rolandsglocke einst die Bürger zu den Waffen gerufen hatte; da ist die Sint-Niklaaskerk mit dem von vier Ecktürmen flankierten Vierungsturm, einem klassischen Beispiel für die Scheldegotik.

Und da ist auch die St. Baafskathedraal, in de­ren Taufkapelle sich das Meisterwerk der flämischen Brüder Hubert und Jan van Eyck befindet – der aus 22 Tafeln bestehende Flügelalter mit der Anbetung des Lamm Gottes. Meterhohes Panzerglas schützt das Polyptychon vor den transpirierenden Touristen aus alller Welt, die sich gegenseitig vorwärts schieben.

Abends, nach der Genter Waterzooi, einer Fischsuppe, und einigen Gläsern Himbeerbier, Trapistenbier und Kirschbier, machen wir eine Bootspartie durchs nächtliche Gent und hören dabei Geschichten über die dunklen Seiten der Stadtchronik: Vom Ritter Gereraard, dem Teufel, der die Leiche seiner Frau in der Krypta aufgegessen habe und spä­ter wegen eines Mädchens seinen Sohn ertränken wollte. Als wir dabei an der Teufelsburg vorbeigleiten, heitert uns der Kapi­tän auf – mit einem Schluck Genever.
(c) Georg Karp