Archiv der Kategorie: Features

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Wie finden wir das Urlaubsglück?

Jeder Mensch sehnt sich nach Urlaub. Denn er ist für den modernen Menschen eine der größten Glücksquellen. Urlaub bedeutet Leben ohne Zeitdruck, Genuss und Freude, Abstand vom Alltag und Freiheit von Zwängen aller Art. Aber sich nach etwas sehnen heißt noch lange nicht, es auch zu erreichen. Und so wird der latente „Glückszwang“ im Urlaub für viele zum Ballast: Schließlich hat der Urlaub – so verlangt’s die gesellschaftliche Konvention – erfolgreich zu sein, sonst hat man die falsche Erholungsstrategie gewählt. Doch wer will schon nach der Rückkehr zugeben, dass sein Urlaub eine Fehlinvestition war?

„Eine strapazierte Seele braucht ebenso überlegte Urlaubsplanung wie eine strapazierte Bandscheibe“, sagt Michael Stark, Professor für klinische Sozialpsy­-
chiatrie. Er weiß, wovon er redet: Immer mehr Urlauber kommen gestresst und nicht erholt von der Reise zurück, Freizeitstress und Belastung haben ihre Seele aufgefressen.

Die permanente Suche nach dem Urlaubsglück wird zur Neurose, die schlussendlich in einer Urlaubskrise endet – Frust, Streit, Eifersucht und gegenseitige Vorwürfe wegen der Wahl des Urlaubsziels trüben den Urlaubsalltag, die Suche nach Kakerlaken und Mängeln am Urlaubsort wird zur manischen Obsession, die Bereitschaft zum Meckern und Beschweren zum Spielball der Wut.

Alle sind glücklich, nur ich nicht. Ich werde mich beschweren, denen, die mir die Reise verkauft haben, ordentlich einheizen. Mit mir nicht, sagt der glücklose Urlauber und beginnt den Alltag erneut mit noch mehr Stress.

Dabei ist es wirklich einfach, aus Urlaub echte Erholung zu machen. Wenn die Seele neue Kraft braucht, dann sollten sich die Urlaubsgefrusteten vor dem nächsten Reisefiasko einige grundsätzliche und doch einfache Fragen stellen: Wie erholsam war mein letzter Urlaub wirklich? Wie reif bin ich für den nächsten Urlaub? Was erwarte ich von einem gelungenen Urlaub? Welche Urlaubsärger kenne ich bereits aus eigener Erfahrung, was kann ich dagegen tun? Soll ich einen „Urlaub um die Ecke“ oder eine „Reise um die Welt“ buchen? Suche ich das Abenteuer oder das Wohlfühlerlebnis? Möchte ich fremde Länder, Menschen und Sitten näher kennen, sie verstehen lernen oder in einer künstlichen Clubwelt „alles inklusive“ konsumieren? Will ich mit Pauschaltouristen auf die Reise gehen oder auf eigene Faust? Will ich meinen nächsten Urlaub in letzter Minute antreten oder ein halbes Jahr vorbereiten, damit alles klappt?

Wer sich also diese Fragen bei der Urlaubsplanung stellt und sie ehrlich beantwortet, hat damit schon den ersten Schritt zur richtigen Erholungsstrategie getan. Dann ist’s nicht mehr weit bis zum ersehnten Urlaubsglück.
(c) Georg Karp

Die Kunst des sinnlichen Reisens

Anderswo ist immer anders. Städte und Menschen mit anderen Augen zu sehen und zu erfahren – auch wenn man sie schon zu kennen glaubt. So üben wir Ferienmenschen uns wieder in einer aussterbenden Kunst: in der des sinnlichen Reisens.

Denn wer die Wirklichkeit einer Stadt, eines Landes, einer Region erspüren will, muss mit offenen Sinnen schlendern, meint der Schriftsteller Horst Krüger. Er muss schauen, hören, tasten, schmecken und riechen. Er muss sich in muffige Treppenhäuser vorwagen, er muss einen Blick auf Hinterhöfe und Gartenhäuser werfen, in verrauchten Kneipen einkehren, beobachten und zuhören.

So also leben die Menschen hier? Das ist ihr Alltag? Wer die Wirklichkeit einer Stadt sehen will, sollte schließlich auf Märkte gehen. Denn Märkte haben ihren eigenen Blues, erzählen wahre Geschichten, von und für Hausfrauen zum Beispiel, von traurigen Schicksalen und Außenseitern der Gesellschaft, von Arroganz und Vorurteilen.

Vom Glück des Reisens. Aufzubrechen, wohin einer will, dorthin zu gelangen, wo noch keiner war, von Dingen berichten, die so noch nie erzählt wurden: das sind die wohl stärksten Triebkräfte des Reisens, schreibt Ulf Diederichs in „Vom Glück des Reisens“.

Und er fragt zu Recht: „Was ist Reiseglück? Ist es das, was einem auf Reisen manchmal jäh überfällt, sich aber nur schlecht in Worten ausdrücken lässt? Ist es das Glück eines, der von der Reise kommt und etwas zu erzählen hat, woher all das, was er erlebt hat – auch die größte Gefahr, die ärgste Strapaze  –, dem eigenen Erfahrungs- und Erzählschatz zugute kommt? Ist es das Glück dessen, der erfrischt und auch irgendwie verändert zurückkehrt? Ist es das Glück dessen, der an aufregenden Abenteuern teilnimmt, ohne auf die Annehmlichkeit eines Sessels oder eines kühlen Drinks verzichten zu müssen?“

Die Magie des Ankommens. Tauchen wir also ein, in die Kunst des Reisens, lernen wir wieder das Gras wachsen hören, überschreiten wir das Gewohnte, betreten wir neugierig neues Terrain jenseits der selbst gesteckten inneren und äußeren Grenzen. Denn „Menschen, die das Gras wachsen hören, sind offen, neugierig und wissensdurstig“, ist die Schriftstellerin Luisa Francia überzeugt.

Nur wer seinen Körper und die Welt, die ihn umgibt, mit allen Sinnen wahrnimmt, spürt das Verwobensein alles Lebendigen. Und er wird dabei das Glück des Reisens neu erfahren, seine Kraftorte – hier und anderswo – erleben und seine ureigenen Kultplätze entdecken. Reisen wir wohl.
(c) Georg Karp