Ist Unmenschlichkeit eine Ausdrucksform des Menschlichen?

In die Normalität der Alltagsroutine zu­ verfallen, ist in Terror-Zeiten wie diesen eine grausame emotionale Herausforderung. Was können wir dagegen tun? Wie sollen wir mit unseren Emotionen umgehen?

Schon die grauenhaften Bilder von den barbarischen Terroranschlägen ge­gen das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington haben sich in unser Be­wusstsein eingefräst, sie verfolgen uns wie ein böser Schatten, erinnern uns an die schreckliche Apokalypse des Wahnsinns Terror.

Und als ob das alles nicht genug wäre, erreichen uns seither täglich – ja fast stündlich – neue Berichte und Bilder in den digitalen Medien von wild gewordenen Terroristen, die im Namen einer Religion Krieg gegen Andersgläubige führen, Männer, Frauen und Kinder in die Flucht treiben, Menschen vor laufender Kamera köpfen.

Angesichts unserer hilflosen Ohnmacht vor solchen Massenmorden kommen Angst, Wut und Verzweiflung auf, unbewusst ballen wir die Fäuste. Wie sich wehren, was tun, damit dieser Massenmord aufhört, damit die Spirale der sinnlosen Gewalt endlich ein Ende hat? Und: Haben wir denn überhaupt noch eine Chance gegen diese Unmenschlichkeit?

Der Wiener Psychiater und Terrorexperte Friedrich Hacker schrieb in seinem Buch „Aggression – Die Brutalisierung unserer Welt“, dass die „Unmenschlichkeit schon immer eine Ausdrucksform des Menschlichen“ gewesen sei. Vor allem in der Gegenwart, so Hacker, sei es „besonders charakteristisch, dass der Homo brutalis als moderne Ausprägung des Homo sapiens auftritt, mit kalkulierter, unemotionaler Brutalität als Resultat kluger, sogar raffinierter Planung.“

Friedrich Hacker hatte nicht geahnt, dass er eines Tages mit seiner Analyse Recht haben wird. In seinem Buch „Terror. Mythos, Realität, Analyse“, kommt er zu der Schlussfolgerung, dass Terrorismus „nach allgemeiner Anerkennung durch Furchterregung“ lechze und daher „zum unvergesslichen Megakrimen (Großverbrechen; groß durch die Bedeutung oder die Zahl der Opfer)“ neige.

Hacker: „Um wirkungsvoll zu sein, bedarf Terrorismus der Größe, ist unwiderstehlich von großen Gelegenheiten (Olympiade, Gedenktage, Feiern) angezogen, erklärt aber auch notfalls jede seiner Taten zum großen Ereignis, aus dem alles weitere folgt und auf das alles spätere bezogen sein soll.“

Also müssen wir widerstrebend zur Kenntnis nehmen: Terror kann nicht mit Gegengewalt beseitigt werden. Denn, so Friedrich Hacker, „das Vietnam-Beispiel hat deutlich vor Augen geführt, dass selbst jahrzehntelanges, ungehindertes Bombardement nicht imstande ist, Terroristen und Kommandos, die von der Sympathie der Bevölkerung unterstützt werden, auszuräuchern.“
Georg Karp

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