Glaubensfrage: Wird Gott heimatlos in Österreich?

Umfrage zeigt, dass Gottesferne der Menschen in der Stadt am größten ist

In Zusammenarbeit mit dem Pastoraltheologen Paul M. Zulehner erhebt die GfK Austria Sozial- und Organisationsforschung seit vielen Jahren Daten zur Entwicklung von Religiosität in der Gesellschaft.

Vor dem Hintergrund langjähriger Zeitreihendaten, die es erlauben Entwicklungen über lange Zeiträume zu verfolgen, zieht Zulehner folgende Schlüsse aus den neuesten Daten: Es ist schon schwer, Gott herzuglauben. Noch schwerer aber ist es, Gott wegzuglauben.

Das Einfachste scheint heute daher vielen zu sein: gar nicht zu glauben. Gott und das alltägliche Leben zu trennen.

Hier und heute oder Gott

Ich lebe hier und heute und kann daher nicht an Gott glauben
Ich lebe hier und heute und kann daher nicht an Gott glauben (Chart: GfK)

Dabei ist beachtlich, dass in vermeintlich säkular-gottvergessenen Kulturen dennoch beträchtlich viele Menschen an Gott glauben. Leben ist für sie mehr als nur für „hier und heute“ zu leben. Deren Anteil hat zwar zwischen 1988 und 2012 merklich abgenommen; die Zahl derer, die das „Hier und Heute“ auf keinen Fall mit Gott austauschen wollen, ist in diesem Zeitraum von 51% auf 36% gefallen.

Gleichzeitig hat sich die Zahl derer verdoppelt, denen der „Himmel“ verschlossen ist. Sie stieg von 14% auf 28%. Dazu kommen noch einige im skeptisch-unentschlossenen Mittelfeld (21%). Mehr als die Hälfte der 2012 Befragten (36%+15%=51%) lehnt die Vertröstung auf das Diesseits ab. Lediglich für ein Drittel scheint dieses Leben „die letzte Gelegenheit“ (Marianne Gronemeyer) zu sein.

Wichtigkeit Gottes im Leben

Dieser Entwicklung des Gottesglaubens entspricht die „Abkühlung“ des Glaubens als wichtigem Teil des Lebens. Der Anteil derer, denen Gott in ihrem Leben ein wichtiger Teil ist, fiel seit 1988 bis 2007 von 42% auf 34%, um dann allerdings bis 2012 wieder auf 39% anzusteigen. Ist eine Trendumkehr in Sicht? Führen destabile Zeiten dazu, religiösen Halt mehr zu schätzen als in gesicherten?

Mein Glaube ist ein wichtiger Teil meines Lebens
Mein Glaube ist ein wichtiger Teil meines Lebens (Chart: GfK)

Beim Vergleich beider Entwicklungen fällt auf, dass es „Gott an sich“ besser erging als „Gott im Leben“. Im alltäglichen Leben tritt er bei immer mehr in den unsichtbaren Hintergrund. Oder stirbt er gar?

Hat Nietzsche Recht, dass bei immer mehr Leuten Gott tot ist bzw. der Glaube an ihn ohne Belang für das Leben? Aber wie ist das Verhältnis der Menschen zu Gott in außeralltäglichen Situationen: Wenn ein Kind geboren wird, ein geliebter Mensch stirbt, die Liebe zum Fest wird?

Verbuntung

Bei allen „Verdunstungserscheinungen“ des Gottesglaubens zeigen aber die Studien etwas Wichtiges: Es gibt solche und solche – Gläubige, Weniggläubige, Fastgläubige, Ungläubige. Da sind Überzeugte neben Skeptikern, Gottesfürchtige neben Gottesleugnern. Die weltanschauliche Landschaft verbuntet sich zunehmend. Dabei wird die Kultur Gott nicht los: sie wird nicht gottlos.

Mein Glaube ist ein wichtiger Teil meines Lebens
Mein Glaube ist ein wichtiger Teil meines Lebens (Chart: GfK)

Dem Gottesglauben scheint der Zeitgeist also nicht nur ins Gesicht zu blasen. Die Kirchen tun sich offensichtlich schwerer bei modernen Zeitgenossen als Gott. Mehr Kirchenkrise denn Gotteskrise also, so ließe sich in der Sprache des innerkirchlichen Streits formulieren.

Es gibt beachtlich viele, die Gott in der säkularen Gesellschaft in Erinnerung halten, noch mehr, die neuestens wieder auf ihn ihr Leben bauen. Daraus folgt aber: Die säkulare Gesellschaft ist alles andere als durchsäkularisiert. Die Menschen sind nicht so gottlos, wie Kirchenleute sie manchmal gerne hätten, zumindest viele von ihnen.

Unterschiede

Die Detailanalyse lässt bemerkenswerte Zusammenhänge erkennen. Frauen sind offenbar für den Gottesglauben etwas offener als Männer. Und nach Alter gibt es keine linearen Zusammenhänge. Die jüngeren Menschen, die ihr Leben vor sich haben, sind je nach Alterskohorte weniger gottoffen denn die Älteren, die das Leben mehr hinter sich haben und Lebensbilanz ziehen.

Deutsch: Schild „Gott sieht alles, unser Nachb...
„Gott sieht alles, unser Nachbar sieht mehr“ (Photo: Wikipedia)

Und noch eins: Die Stadt fällt aus der Reihe. Hier ist die Gottferne der Bevölkerung am größten. Wird längerfristig das Land sich der Stadt angleichen? Oder kann die Entwicklung umgekehrt laufen? Wer vermag es mit Sicherheit zu sagen? (Quelle: GfK)

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