Emirat Qatar. Reicher als reich

Mohammed ist kein Prophet, Mohammed ist ein Helldriver. Wei­ßer Burnus, Steirerhut, Sonnenbrillen von Boss, Knopf im Ohr, das Mobiltelefon in der Hand und ein ewig süffisantes Lächeln im braun gebrannten Gesicht; die Überheblichkeit seines übersteigerten Selbstbewusstseins ist schon unerträglich.

Mohammed versteht uns nicht, kein Deutsch, kein Englisch, kein Französisch, nur Arabisch, das versteht er. Er schaltet den Die­selmotor seines zweieinhalb Tonnen schweren Toyota 4500 EFI hoch, dreht den MP3-Player auf volle Pulle, draußen hat es um die 46 Grad, drinnen im kühlen Allradler dröhnt uns Mo­hammed mit Arabic Groove, HipHop und Rap Made in USA zu.

Mohammed hat Spaß, gibt Gas, lenkt lässig und singt unüberhörbar mit: „Alow, alow, hallo, hallo“. Der ägyptische Ohrwurm über einen verliebten Mann, den seine Süße am Telefon nicht hören kann, turnt ihn mächtig an.

Er drückt das Gaspedal durch, die schnurrende 4,5 Liter-Maschine des Landcruisers bäumt sich auf, mit Tempo 90 rasen wir die 40 Meter hohen und fast 45 Grad steilen Dünen rauf und runter, nur nicht jetzt seekrank werden. Mohammed kennt die Tücken der Dünen, die breiten Reifen des Toyota, aus denen er vorm Start zum Ausflug in die Dünen die Luft raus lässt.

Alow, alow, hallo, hallo, wir sind in Qatar, im Übermorgenland des Mittleren Ostens, wo Geld keine Rolle spielt, weil die winzige Halbinsel im Persischen Golf, kleiner als Oberösterreich oder Hessen, buchstäblich an der sprudelnden Quelle des unermesslichen Reichtums sitzt.

Qatar ist reicher als reich, bereits das reichste Land in der arabischen Welt und auf Platz 20 in der Weltstatistik. Der Reichtum liegt unterm brennend heißen Wüstensand und wartet vor der Nordküste: Erdöl und noch viel mehr Erdgas, das sind die scheinbar unerschöpflichen Quellen des rasant wachsenden Wohlstands, einer vielversprechenden Zukunft, der das ehemalige britische Protektorat zielgenau mit Vollgas entgegensteuert.

Die Erdölreserven, die über 66 Prozent der Staats­einnahmen ausmachen, sind bis 2020 gesichert, der wahre Reich­tum Qatars liegt im Persischen Golf vor der Nordküste. Dort schlummern die größten Erdgasvorräte der Welt und garantieren den Wohlstand des Wüstenemirats.

Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt mehr als 30.410 US-Dollar und ist das höchste in der arabischen Welt. Der „Helldriver“ Mohammed muss sich um seine Zukunft keine Sorgen machen.

Die Hauptstadt Doha, vor fünfunddreißig Jahren ein trostloses Kaff, ist heute eine dynamische Boomtown mit protzigen Paläs­ten aus Stahl, Beton, Glas und feins­tem italienischen Marmor, die schönsten Immobilien sind Regierungsgebäude oder gehören den Öl- und Bankgesellschaften.

Zwischen den Wolkenkratzern mit ihren verspiegelten Fassaden führen Avenuen – breiter als die Highways in Los Angeles – irgendwohin in die weite Wüste, von der es mehr als genug in diesem nur 170 km langen und 80 km breiten Land gibt.

Vor 16 Jahren Jahren, am 27. Juni 1995, wurde der Grundstein zum Übermorgenland gelegt, mit einem unblutigen Putsch, der kabarettreif war: Emir Scheich Chalifa Ibn Ahmed ath-Thani, selbst mit einem Putsch 1972 an die Macht gekommen, flog in die Schweiz, um dort nach seiner Gesundheit und den gehorteten Petrodollars zu schauen.

Kaum angekommen, kam auch schon ein Anruf aus der Heimat. Sein Erstgeborener und Lieblingssohn, Kronprinz Hamad war am Apparat, sagte: „As-salamu aleikum, Friede sei mit dir, lieber Vater, du bist jetzt abgesetzt, ab heute regiere ich allein. Gib mir die sieben Milliarden Dollar zurück, die du auf deine Schweizer Nummerkonten verschoben hast. Ich will das Emirat zum mo­derns­ten Staat in der arabischen Welt ma­chen, wo die bes­ten Schulen für unser Volk offen stehen, wo die schönsten Luxushotels der Welt errichtet werden und reiche Touristen unsere Geldtöpfe zum Überlaufen bringen. Du warst die Ver­gangenheit, ich aber bin nun die Zu­kunft.“ Sagte höflich noch Inschallah zum Abschied und legte auf. Von da an begann in Qatar die neue Zeitrechnung.

Und der neue Emir Scheich Hamad bin Chalifa ath-Thani, streng nach dem Koran und Wahhabismus, einer orthodoxen Richtung des Islam, erzogen und in England in der politischen Kultur der Demokratie geschult, hatte es schon nach zehn Jahren seiner Regentschaft geschafft, viele politische und soziale Reformen zu realisieren, den rund 200.000 Qataris steuerfreies Einkommen, kos­­ten­lose Bildung und eine hervorragende Gesundheitsversorgung zu bescheren, die Zen­sur abzuschaffen und mit 140 Millionen Dollar den TV-Sender Al Jazeera, das arabische Gegenstück von CNN, zum großen Ärger der Saudis und seines damaligen US-Verbündeten George W. Bush zu gründen.

Die von ihm dekretierte Demokratisierung – seit 1997 dürfen sogar Frauen wählen und gewählt werden – greift langsam, doch in den Köpfen der Qataris spukt noch immer das traditonelle Denken und die Angst vor zu viel westlichen Einfluss.

Die Proteste und Umstürze in Ägypten und Tunesien, der unüberhörbare Ruf nach mehr Demokratie und Freiheit in Jemen, der Krieg in Libyen und die blutigen Demonstrationen in Syrien sorgen inzwischen in Doha für mehr Sorgenfalten im Gesicht des Emirs als die globale Wirtschafts- und Finanzkrise, die an den Geldreserven des Wüstenemirats auch nicht spurlos vorbeigegangen ist.

Qatars Kapital für die Zukunft sind aber nach wie vor die 25,5 Trillionen Kubikmeter Erdgas vor der Nordküste der winzigen Halbinsel im Persischen Golf, genug, um etwa alle Haushalte Europas für die nächsten 100 Jahre zu beheizen.

Allein die Investitionen in die Fünf-Sterne-Airline Qatar Airways, in den neuen Mega-Flughafen Doha und in die touristische Infrastruktur mit zahlreichen Luxushotels hatten bis 2010 mehr als 15 Milliarden Dollar verschlungen, aber Geld ist noch immer genug da, und der Ausbau der Infrastruktur geht weiter.

Rund 600.000 Gastarbeiter auf Zeit – Ägypter, Palästinenser, Syrer, Inder, Pakistani und Filippinos – halten die Wirtschaft auf Trab, malochen als Händler, Gärtner, Müllsammler, Taxifahrer und Arbeiter in den Raffinerien und auf den Mega.Baustellen, wo der Zement importiert werden muss, weil der Bauboom noch lange nicht zu Ende ist.

Die ausländischen „Arbeitsmigranten“, die 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen, „haben Knebelverträge, sind ohne ausreichenden Schutz Missbrauch und Ausbeutung durch ihre Arbeitgeber ausgesetzt“, behauptet Amnesty International.

Schläge, Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz sind keine Seltenheit. Allein im Jahr 2007 sind nach Angaben von Amnesty rund 20.000 Arbeitsmigranten vor ihren Arbeitgebern geflohen.

Seit Februar 2010 ist ein neues Gesetz in Kraft, das die Arbeitsbedingungen regelt. Darin sind Ein- und Ausreise, Aufenthalt und Arbeitsbedingungen festgelegt. Und das neue Gesetz untersagt dem Arbeitgeber zum Beispiel, die Pässe der Angestellten zu behalten.

Die Qataris selbst lassen sich von den Problemen der „Gastarbeiter“ nicht beeindrucken, sie züchten Falken, Rennpferde, Rosen, spielen Golf in künstlich angelegten Oasen oder bolzen in Doha „just for fun“ mit ihrem Porsche, Ferrari, Maserati, Bentley oder Lamborghini durch die von Sandstürmen zugenebelten Straßenschluchten, überfahren rote Ampeln und dabei oft auch Fußgänger auf dem Zebrastreifen.

Sie schleudern mit 90 km/h durch den Kreisverkehr, haben Lust am Gas geben, am „living in the fast lane“. Allein in einem Jahr blitzte die Polizei 5.279 Rotlichtfahrer und bat 34.525 Raser zur Kas­­se. Kein Problem für die Qataris. Geld ist ja im Wüstenemirat Qatar keine Mangelware, nur an Zement magelt’s halt immer wieder. Inschallah.
(c) Georg Karp

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